Andre Paurnfeind – Freifechter, Fechtmeister und Leibwächter

Wenig berichtet der aktuelle Forschungsstand über den Autor des ersten uns bekannten gedruckten Buches, das die Kampfkunst des mittelalterlichen Lehrmeisters Liechtenauers Lehre beinhaltet. Sein Name lautet Andre Paurnfeind (auch geschrieben als Pawrnfeyndt, Bauernfeind, Paurenfeint).

In der aktuellen Literatur bis 2016 ist Andre Paurnfeind als aus Ernstbrunn stammend aufgeführt (oder ist zumindest mit dem Dorf bei Wien verwandt), und er war 1513 an der Wiener Universität eingeschrieben. Aber ich habe kein Dokument gefunden, das belegt, daß der Freyfechter 1513 in Wien lebte und studierte oder aus Ernstbrunn stamme. Diese Behauptung wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Wilhelm Karl Waßmannsdorf in die Wissenschaftsliteratur eingebracht. Bis heute hatte es keine neuen Forschungen über den Mann selbst gegeben. [siehe Bauer ACTA]. Es ist an der Zeit meinen wir.

Es gibt durchaus Einträge über einen oder mehrere Personen mit dem Namen Pawrnfeind (oder Leute mit einem ähnlichen Namen), die an der Wiener Universität eingeschrieben waren. Der Name ist im 15. und 16. Jahrhundert sehr verbreitet. Es ist sogar in der lateinischen Form von Rustiminicus zu finden (Markus Bauernfeind von Mondsee, der 1496 in Wien und 1498 in Krakau studierte und von 1510-1528 in Wien lebte).

Im Vorwort seines Buches wissen wir, dass Andres Pauernfeind sich als “Freyfechter czu Vienen in Österreich / nach kaislerlicher Begreiffung vnd kurczlicher verstendnuszn” bezeichnete. Sein Buch wurde auch 1516 in Wien gedruckt. So hatte Paurnfeind in der Tat Verbindung zur Hauptstadt von Österreich. Aber er lebte wahrscheinlich nie länger dort. Ein Studium an der Universität schließe ich aktuell aus.

Die Familie von Paurnfeind in Salzburg

Die Ursprünge der Familie Paurnfeind in Salzburg sind unbekannt.
Die in der Fachliteratur vorgeschlagene Hypothese, dass die Familie in Lienz (140 km von Salzburg entfernt) Beziehungen zu einer gleichnamigen Familie unterhält, beruht nicht auf Dokumenten. Die Hypothese beruhte auf der Tatsache, dass Jörg oder Georg Pawernfeindt, Stadtrichter von Lienz 1525 [siehe Lienz Eintrag Nr. 143] einen Sohn namens Hanns hatte. Ein sehr häufiger Name.

Die Literatur sagt uns, dass der erste Paurnfeind in der Nähe von Salzburg, über den wir Aufzeichnungen haben, Hanns Paurnfeind ist. Er besaß ein Haus und eine Transportfirma am Ort Kuchl, Gollingen, 25 km auf der Handelsroute nach Salzburg. Sein Sohn Nikolaus Purnfeind (* 1601; † 1649) war Waffenschmied in der gleichen Pfarrei, sein Sohn Christian Paurnfeind (* 1655; † 1718) war Mitglied des Salzburger Stadtrates, und sein Sohn Johann Christian (* 1687, † 1768) wurde Oberhaupt der Stadt [siehe Oberer und Aigentler-Boltzmann]. Es ist bemerkenswert, dass die Familie bis heute in Kuchl lebt. Das letzte Mal wurde es als Paurnfeind 1825 geschrieben [siehe Salzburger Zeitung].

Die Frage ist: Ist Hanns Paurnfeind von Kuchl der Sohn des Georg Paurnfeind von Lienz?

Wir wissen, dass Hanns Paurnfeind 1527 als Bürger von Lienz lebte, während zur selben Zeit ein junger Mann gleichen Namens in Kuchl bei Salzburg als Fuhrunternehmer lebte [siehe Eintrag Lienz Nr. 148]. Georg Paurenfeind blieb bis 1537 Bürger zu Lienz. Es scheint daher unwahrscheinlich, dass Georgs Sohn Hanns derselbe Mann wie der Hans in der Nähe von Salzburg ist.

Interessanter für uns ist, dass im Jahr 1503 ein Mann namens “Anndre Pawrenfeindt” die Unterzeichnung eines Dokumentes miterlebte [siehe Lienz Eintrag Nr. 117]. Es war das einzige Mal, dass der Name im Archiv von Lienz gefunden wurde. Der Name “Andre” ist jedoch in Lienz sehr prominent, weil die Pfarrkirche St. André, seit mindestens dem 13. Jahrhundert die Hauptkirche der Stadt ist. So ist es keine Überraschung, einen populären Vornamen zu einem ebenso populären Nachnamen in der Stadt zu finden. Die Pfarrei St. Andre gehört der Erzdiözese Salzburg an.

Mit Blick auf die Qualität der bisherigen Forschung und der „interessanten“ Idee, dass der erste Pauernfeind im Salzburger Land der “Sohn von Georg Paurnfeind von Lienz” war, beginnen wir selber zu forschen. Und tatsächlich hatte es vor dieser Zeit bereits mehrere Paurnfeind im Salzburger Land gegeben: ein Soldat (Fußknecht) namens Georg Pawernfeint arbeitete 1485 für den Erzbischof von Salzburg [SbgE AUR 1485 VII 22]. Wir finden Wolfgang Pawrnfeindt 1496 als Kastner [SbgE AUR 1496 V 28].Und noch ein Eintrag von Georg Pawernfeindt, diesmal jedoch 1387 (was sehr unwahrscheinlich erscheint) [SbgE AUR 1422 V 11]. Wir finden Niklas Pawernfeind 1517 [SbgE AUR 1517 V 16] und viele mehr. Der Familienname erscheint mehr als einmal in der Region und zu einem guten Prozentsatz im Dienst der Erzdiözese.

SCHLUSSFOLGERUNG UND HYPOTHESE

Es ist offensichtlich, dass schon vor der Zeit unsers Fechtmeisters eine Familie Paurnfeind in der Nähe und in Salzburg sowohl lebte wie auch an den Erzbischof gebunden war, und mindestens ein Mitglied als Soldat diente. Es gibt keinen Eintrag eines Mannes namens “Andre” oder dergleichen in den Aufzeichnungen dieser Familie. Es ist möglich, aber nicht wahrscheinlich, dass die Mitglieder der gleichen Familie Bürger von Lienz (140 km entfernt) waren. Zumindest der Name Georg Paurnfeind, der Vater eines Hans ist, kann in der Region mehr als einmal vorkommen. Die Beliebtheit des Namens “Andre” in Lienz weist auch auf die Stadt hin. Ein weiterer Verweis ist, dass die Namenskirche in Lienz der Erzdiözese Salzburg gehörte.

Die logische Hypothese wäre, dass die Familie Pauernfeind aus Lienz stammte und Geschäfte und Häuser in Salzburg durch Verdienste um die Erzbischöfe verdiente. Sie besaßen zuerst ein Haus in Kuchl, später ein anderes in Salzburg. Andre Paurnfeind wurde als Sohn der Familie Lienz geboren, ging aber wie einige seiner Vorfahren in den Dienst des kommenden Bischofs in Salzburg.

Diese Hypothese ist weit davon entfernt, solide zu sein. Mit dem Namen Paurnfeind und seinen sehr oft auftretenden Variationen scheint es extrem unwahrscheinlich zu sein, dass wir hier einen steinharten Beleg haben werden. Aber der Name “Andre Paurnfeind” ist recht selten, was hoffen lässt, dass wir in Zukunft mit der Verfügbarkeit weiterer Datenbanken mehr erfahren werden.

Der Bischof, der eine gut ausgebildete Wache brauchte

‘Cardinal Lang von Wellenburg’, 1522, (1936). Found in the collection of the Graphische Sammlung Albertin, Vienna, Austria. A print from “Durer, Und Seine Zeit”, by Wilhelm Waetzoldt, Grosse Phaidon Ausgabe, 1936.

Andre Paurnfeind (Andre Paurenfeyndt) war nach eigenen Angaben ein Trabant (eine Leibgarde) bei Kardinal Matthäus Lang von Wellenburg. Das zeigt das Wappen auf der ersten Seite seines Fechtbuches, das von zwei Leibwächtern in der typischen Trabantuniform und den Waffen des frühen 16. Jahrhunderts flankiert wird. Matthäus Lang von Wellenburg war das Kind einer reichen Augsburger Familie, die in der römisch-katholischen Kirche ihren gesellschaftlichen Aufstieg suchte. In dieser Zeit war dies oft mit einer Karriere in der Politik verbunden. Matthäus war sehr ehrgeizig. Er plante seine Karriere Schritt für Schritt wie eine militärische Kampagne. Mit Geld und der Schönheit seiner Schwester Apollonia [siehe Bianca Sforza]. Er begann, indem er des Amts des Vikar von Gurk anstrebte, wohlwissend, dass er durch den Tod des jetzigen Fürstbischofs als Vikar dessen Titel erben würde. Mit dem ersten Aufstieg auf der Adelsleiter ging er Ende des 15. Jahrhunderts in den diplomatischen Dienst für König und Kaiser. Er hoffte, dass ihm dadurch der Titel des Bischofs von Augsburg, seiner Heimatstadt, verliehen würde. Er erhielt diesen Titel nicht, sondern einen Haufen anderer und wurde sehr reich, und somit 1511 von Papst Julius II. zum Kardinal gemacht. Dies ermöglichte es Matthäus, den Trick des Erbes erneut auszuprobieren. Er verlieh 40.000 Gulden an Kaiser Maximilian, der Papst Julius 1512 zur Promotion von Matthäus als Koadjutorbischof von Salzburg überedete. Es funktionierte gut. 7 Jahre später starb der jetzige Bischof und Matthäus wurde zum Erzbischof von Salzburg ernannt. Witzigerweise wurde Matthäus schnell noch im selben Jahr geweiht. Er war vorher nicht einmal ein Geistlicher (obwohl  er eine Reihe von Titeln in der Kirche hielt).

Die Salzburger Patrizier waren nicht glücklich mit diesem Mann von außen, der jetzt die Stadt regierte. Sie mochten ihn nicht als Koadjutor und sie hassten ihn als ihren Erzbischof. Wir würden uns heute fragen, warum die Leute in Salzburg keinen geistlichen Führer mochten. Es geht um eine riesige Menge an Steuern, die sie an die Kirche zahlen mussten. Salzburg war eine wohlhabende Stadt und Kardinal Matthäus Lang von Wellenburg wollte so reich wie möglich werden und sein Geld für Luxus ausgeben. Dagegen zog man ins Feld. 1523 gewann Matthäus die erste militärische Konfrontation der Bürger gegen ihren Kardinal. 1525 revoltierten die Bauern und belagerten die Hohensalzburg. Der Friedensvertrag mit den Bauern wurde von Matthäus gebrochen, der als echter “Bauernfeind” auftrat. Der Aufstand und der Krieg endeten 1526 mit einer Ritterarmee der Schwäbischen Liga unter Georg von Frundsberg nach Salzburg.

Kardinal Matthäus Lang von Wellenburg war ein geschworener Feind der Kirchenreformation. Die Bauern hatte seinen Reichtum zerstört. Die Kosten für den Krieg waren enorm. Somit mußte eine gewisse Reformation in Bezug auf die Organisation vorgenommen werden. Matthäus stellte zivile Beamte in den städtischen Ämtern auf. Aber seine Rechte und Steuern als Bischof waren nicht ernsthaft berührt worden. Sein Geldsack füllte sich wieder und er starb 1540 als wohlhabender Mann.

Die Wien – Antwerpen Verbindung

Matthäus Lang war ein ziemlich erfolgreicher Diplomat. Seine größte Leistung war die Teilnahme an der Vermittlung der Habsburg-Jagiellonen-Ehe 1515 in Wien. Die Verhandlungen begannen 1504 und die Feierlichkeiten fanden im Juli 1515 in Wien statt. Die außerordentlichen Kosten wurden auf 200.000 Gulden geschätzt. Um den endgültigen Ehevertrag abzuschließen, dauerte es noch ein Jahr. Aufgrund der Tatsache, dass Ludwig und Maria nur 9 Jahre alt waren, wurde die eigentliche Ehe erst 6 Jahre später „vollzogen“.

Matthäus Lang, der für seine Abwesenheit in Salzburgs noch weniger gemocht wurde als für seine Anwesenheit und kaum seine Tätigkeit als Koadjutorbischof ausübte, soll sich in den Verhandlungen in Wien hervorragend geschlagen haben. Sein Auftritt in Wien am Fürstentag, der aus Bratislava zurückkehrt, ist gut dokumentiert [siehe AK, S. 14, S. 432].

1517 reiste Matthäus Lang wieder in den Dienst des Kaisers nach Antwerpen [s. AK, S. 122]. Von alledem wissen wir durch Riccardo Bartholini (Riccardus Bartholinus Perusinus), der in der Umgebung des Kardinals in Wien und Antwerpen war. Er wurde vom Kaiser in Antwerpen zum Poeta Laureatus gekürt[siehe Poets Laureate].

Die Reisen des Diplomaten des Kaisers nach Wien und Antwerpen wären nicht von Interesse, wenn sein Trabant Andre Paurnfeind nicht irgendwann an seiner Seite gewesen wäre. Sein Buch “Ergrundung Ritterlicher Kunst der Fechterey” erschien erstmals 1516 in der Weihenburggasse in Wien bei dem Drucker und Verleger Hieronymus Vietor. Vietor zog ein Jahr später nach Krakau, dennoch war das Buch ein voller Erfolg und wurde 1538 in die Wallonische Sprache (Französisch) als ” La edle Wissenschaft des ioueurs d’espee” übersetzt und von Willem Vorsterman, einem äußerst erfolgreichen Verlag von 1504 bis 1542 in Antwerpen. Willem Vorsterman druckte lateinische Bücher, verschiedene Dialekte von Deutsch oder Niederländisch, Wallonisch und Französisch. Er veröffentlichte die Übersetzung von Luthers Bibel ins Niederländische in mindestens fünf Ausgaben (was wahrscheinlich Kardinal Matthäus Lang nicht gerne gesehen hätte).

Matthäus Lang war wie andere katholische Humanisten bibliophil. Er liebte Kunst und Bücher und hatte viel Geld. Der Entwurf für seinen Thron von Albrecht Dürer kann einen Eindruck von dem Reichtum vermitteln, den der Kardinal bereit war für die Kunst auszugeben. Er war auch dafür bekannt, alte Bücher zu erwerben und dafür zu bezahlen, neue zu schreiben.

So ist es keine Überraschung, dass er seinen Fechtmeister Andre Paurnfeind ermutigt hat, an einem Buch zu arbeiten, das die Kunst des Fechtens illustriert. Durch die Anbindung an die Verlage in Wien und Antwerpen konnte die Produktion des Buches problemlos aufgebaut werden. Die Produktion in Wien entstand um 1515 während Matthäus Lang dort war. Es mag sein, dass Willem Vorsterman in Antwerpen 1517 bereits eine Kopie des Buches in Händen hatte. Warum es noch 20 Jahre dauerte, um übersetzt und veröffentlicht zu werden, ist mir unbekannt.

Quellen

  • [Lienz] Regesten des Stadtarchivs Lienz, Tiroler Geschichtsquellen, Herausgegeben vom Tiroler Landesarchiv Schriftleitung: Landesarchivdirektor Univ.-Prof. Dr. Fridolin Dörrer, Nr. 5, Innsbruck 1978
  • [Bauer ACTA] “Einblicke in das Layout Arbeiten an den Illustrationen von Andre Paurnfeindts Kampfbuch von 1516 veröffentlicht von Hieronymus Vietor” in “Acta Periodica Duellatorum, Research note 99”, HEMA Studien auf dem Internationalen Mittelalterkongress, Leeds, Juli 2016,
    Matthias Johannes Bauer, Universität Duisburg-Essen
  • [Oberer] Die Bürgermeister in Salzburg von 1433-1840, Oberer, 1840, S. 102-103
  • [Aigentler-Boltzmann] “Hochgeehrter Herr Professor! Innig geliebter Louis !: Ludwig Boltzmann, Henriette von Aigentler, Briefwechsel “, Ludwig Boltzmann, Henriette von Aigentler, Böhlau Verlag Wien, 1995, S. 1. 18
  • [Salzburger Zeitung] Kaiserl. Königl. Privilegierte Salzburger Zeitung, 1824, hrsg. 80
  • [Bianca Sforza] Bianca Maria Sforza (1472-1510) Herrschaftliche Handlungsspielräume einer Königin vor dem Hintergrund von Hof, Familie und Dynastie von MMag.a phil. Daniela Unterholzner, Innsbruck, 2015
  • [AK] AK, Deutscher Humanismus 1480-1520, AK, Walter de Gruyter , 8. Mai 2009
  • [Poets Laureate] Poeten Laureate im Heiligen Römischen Reich, John Flood, Walter de Gruyter, 1 Jan 2006

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