Ausbildung zum Fechter

Lehrplan

Fechter im historischen Verständnis sind Kämpfer. Sie beherrschen den versachlichten Umgang mit körperlicher Gewalt. Der Mittelpunkt der Ausbildung ist es somit, körperliche Gewalt zu verstehen und zu beherrschen.

Vier ritterliche Wehren

„Vebe ritterschaft vnd lere / Kunst dy dich czyret vnd in krigen sere hofiret / Ringens gut fesser / glefney sper swert vnde messer / Menlich bederben / vnde in andñ henden vorterben“

Die Kunst benötigt eine Basis der vier Wehren.

  • Stange
    Repräsentiert durch Spieß, Glefe, Speer, Hellebarde und die klingenlosen Stangen
  • Schwert
    Repräsentiert durch Langes Schwert und langem Rapier
  • Messer
    Repräsentiert durch Dussak,und dem Langen Messer (mit und ohne Dolch und Schild), Haudegen,  Buckler und Schwert.
  • Ringen und Dolch
    Repräsentiert durch höfisches und sportliches Ringen, Kriegs– und Kampfringen, Dolch

Erst wenn die Prinzipien auf alle vier Wehren anwendbar sind, sind sie verinnerlicht und Meisterschaft erreichbar. So schreibt Hans Sachs 1545 reimbedingt etwas durcheinander gepurzelt doch inhaltlich richtig zur Ausbildung bei den Marxbrüdern:

Als denn man ihn zum Meyster schlecht
Sanct Marxen Bruderschafft entpfecht
Nach dem mag er auch fechtschul halten.
Auch schuler lehrn und verwalten
Inn allen ritterlichen wehrn,
Erstlich im langen schwerdt mit ehrn,
Messer, spieß und der stangen warten,
Im dollich und der hellen-parten,
Iedlichs nach art mit seynen stücken,
So mag in ehren im gelücken,
Sobald man ihm zum Meister schlägt
Von Sankt Marxen Bruderschaft bestätigt
Dann mag er auch Fechtschule halten.
Auch Schüler lehren und verwalten
Inn allen Ritterlichen Wehren,
Erstlich im Langen Schwert mit Ehren,
Messer, Spieß und der Stangen warten,
Im Dolch und der Hellebarten,
Jegliche nach Art mit ihren Stücken,
So mag es in Ehren ihm glücken

Brücken bauen

Dabei nutzen wir auch die Brücken zwischen den Wehren, die in den jeweiligen Lehren eingeflochten sind. So enthält auch das Lange Schwert einhändigen Einsatz und auch Ringen, die Anzahl der Ringtechniken im Langen Messer ist beeindruckend. Die Reichweiten werden überlaufen, übersprungen, überbrückt und durchlaufen. Alle Lehren greifen ineinander über und vermitteln dasselbe Fundament und dieselben Prinzipien.

Eine Wehr oder mehrere?

Es lassen sich alle Prinzipien und die wesentlichen Techniken auch mit einer einzigen Wehr oder waffenlos üben und erlernen. Die Frage womit es sich am besten lernen lässt, haben die alten Meister schon vor Jahrhunderten beantwortet. Daher sprechen wir uns dafür aus, der Empfehlung der Fechtbücher zu folgen.

Übungsststände

Übung ohne Struktur ist kein Lernen sondern Ausprobieren. In der Fechtfabrik ist die fechterische Ausbildung nach Übungsstand gegliedert. Dies geschieht, um die Teilnehmer nicht mit Übungen zu überfordern, die verwirrend sind und nicht dem Lernfortschritt dienen. Übungsstände sind somit Abschnitte in einem Ausbildungsprogramm. Ihre Grenzen sind nicht streng, so werden zu Wiederholung auch Übungen aus niedrigeren Übungsständen durchgeführt. Auch wird man regelmäßig in den folgenden höheren Übungsstand hineinschnuppern. Dies entspricht den Fechtbüchern, die in ihren Hauptstücken die folgenden Übungsstücke anreißen.

Die Übungsstände spiegeln Lehrstruktur der Fechtbücher wieder. Die Hauptstücke wurden in Blöcke mit gemeinsamen Kern gegliedert, um eine allgemeingültige Struktur zu erstellen.

Herkunft

Die Übungsstände entstehen entlang der Begrifflichkeit Liechtenauers, als zentraler Bestandteil der europäischen Fechtkultur. Auch in anderen Lehren aus anderen Kontinenten findet sich fast exakt die gleiche Struktur wieder. Sie ist allgemeingültig und die Verwendung der Begriffe Liechtenauers wären austauschbar.

Gleichheit

Die Übungsstände stellen keine Ränge dar. Alle Fechter sind gleich. Ränge entstehen entlang der sozialen Kompetenz, anderen Fechtern in ihrer Weiterentwicklung zu helfen. Die Übungsstände hingegen spiegeln die erlernten und anwendbaren Fähigkeiten des Fechtens wieder. Ein Fechter, der sich weiter entwickelt, hat somit immer einen Übungsstand. Einen Rang hat nur derjenige, der sich in der Weitergabe der Fechtkunst hervortut.

Feststellung

Übungsstände stellen eine gute Orientierungshilfe dar. Grundsätzlich finden keine Prüfungen der Übungsstände statt. Fechtlehrer sind befähigt, die jeweiligen Übungsstände der eigenen Schüler entlang des Ausbildungsplans festzustellen. Die Stücke zu den jeweiligen Lehren sind genannt und bekannt. Sofern die Schüler diese fechten können und inhaltlich erfasst haben, besitzen sie den entsprechenden Übungsstand.

Examinierungen erfolgen daher nur für Fechter, ohne einen geregelten Unterricht bei einem Fechtlehrer der Fechtfabrik. Die Examinierung ist keine Prüfung, sondern hat die Form einer Lektionierung (Einzelunterricht) zur Feststellung der Fechtkompetenz.

Übungsstand Eins

Der erste Übungsstand widmet sich dem Gewinnen des „Vor“ aus den Fünf Wörtern Liechtenauers. Es geht darum, das „Vor“ zu verstehen und wie darin gefochten wird, sowie es im Zufechten gewonnen oder aus dem „Nach“ zurückgewonnen werden kann.

Das Zentrum der Fechtkunst ist der Langort, die größte Reichweite und Länge im Hau. Da Fechter sich bewegen, verschiebt sich auch das Zentrum. Somit kann man das Zentrum als Innenraum (oder geometrischer Ort / Innen-Ort) verstehen, begrenzt von den Silhouetten der Fechter.  Der Innenraum definiert sich als derjenige, in welchem ein Fechter in beliebiger Standhöhe in etwa mit ausgestreckten Arm (und Waffe) den Körper des anderen erreichen kann. Im Innenraum wird er Ort des Schwertes immer auf den Gegner ausgerichtet.

Erster Imperativ “Nicht getroffen werden”

Im Innenraum gilt die Regel, dass derjenige getroffen wird, welcher den anderen zuerst den Langort erreichen lässt. Aus dem Imperativ “Nicht getroffen werden” ergibt sich die Notwendigkeit des “Vor”.  Denn Aufgabe des „Vor“ ist es das Zentrum zu gewinnen und mit der Wehr zu besetzen. Gleichzeitig verlässt der Körper das Zentrum.

Dieses Verhalten führt immer zum Ersttreffer, wenn der Gegner versäumt, sein Zentrum zu schließen. Versäumen dies beide Fechter, so entstehen Doppeltreffer.

Der Beginn der Fechtkunst

Sofern beide das Zentrum schließen entsteht das Band. Im Band beginnt die Fechtkunst. Alle Treffer vor dem Bande sind  Grundtechniken, die Vorbedingungen für die Fechtkunst. Wer diese Grundlagen nicht beherrscht wird sich der Kunst nicht erfreuen können.

 

Übungsstand Zwei

Im zweiten Übungsstand kommen die Stücke des „Nach“ (Fünf Wörter) vor. Der Fechter lernt im „Nach“ zu fechten. Die Aufgabe des „Nach“ ist es den Gegner im Außenraum zu überwinden. Es geht darum, zu erfahren, wie ein Gegner zu schlagen ist, der die Mitte durch das “Vor” besetzt.

Die Umläufe der Fechtkunst

Der Außenraum wird von den Quellen “Anhänge” und “Umläufe” des Zentrums genannt. Dies beschreibt dementsprechend den Raum jenseits der Grenzen, die von den Schattenrissen der beiden Fechter gebildet werden. Der Außenraum zeichnet sich dadurch aus, dass der Ort des Schwertes nicht auf den Gegner zeigt, die Schneide aber sehr wohl (somit ein geometrischer Ort / Außen-Ort). Wie in der Architektur ist auch dieser Außenraum viel größer und unangenehmer als der Innenraum. Fechten im Nach findet in dem Außenraum statt.

Zweiter Imperativ “Nicht auf den Treffer gierig sein”

Aus den letzten Lehrsätzen zum “Vor” lernen wir, im Krieg nicht gierig zu sein. Diese Vorbedingung zum Fechten im Nach, wird dadurch zum Imperativ, da wir im Außenkreis den Gegner im ersten Schlag nicht ohne Nähern treffen können. Ein Angriff aus dem Außenraum hat geringere Reichweite als das Zentrum. Es wird derjenige getroffen, der im Nach vom Außenraum in das Zentrum des Gegners tritt. Der edle Krieg im Außenraum benötigt somit eine erweiterte und höhere Kunst.

 

Übungsstand 2 in den Rängen

Fechter im zweiten Übungsstand können den „Rang“ des Vorfechters erwerben. Vorfechter unterstützen den Fechtlehrer in der Vorführung der Fechttechnik. Sie können die Übungen anderen Fechtern zeigen.

Übungsstand Drei

Der dritte Übungsstand steht unter dem Erkennen und Verwenden der “Stärke” (Fünf Wörter). Die Stärke ist eine Methode zum sicheren Wechsel zwischen Außen- und Innenraum. Sie räumt den Weg in das Zentrum für den Fechter frei und verschließt ihn für den Gegner. Die Stärke bezieht ihre Energie aus dem gesamten Körper des Fechters, der Anspruch an die korrekte Fußarbeit ist hoch.

Dritter Imperativ “Immer in Bewegung”

Durch die Bewegung der Fechter verschieben sich andauernd Innen- und Außenraum. Es entsteht große Gefahr für den Fechter, der zwischen den Räumen wechselt. Aber es bieten sich auch viele Gelegenheiten, die Blößen des Gegners zu erreichen. Um sicher zwischen den Räumen zu wechseln, verwendet der Fechter die Stärke als Kontrollmittel.

Die Stärke der Wehr kann sich unabhängig vom Körper bewegen. So verschiebt man die Wehr des Gegners in den Außenraum, während der Körper in den Innenraum tritt und sich nähert. Diese Unabhängigkeit erweitert die Kunst um eine Vielzahl von Möglichkeiten, aber auch Gefahren. Denn bei dem Wechsel von Innen- und Außenraum sind die Regeln und Gesetze beider zu beachten.

Übungsstand 3 in den Rängen

Fechtern im dritten Übungsstand steht der „Rang“ des Mentors steht offen. Mentoren leiten andere Fechter an und unterstützen und vertreten die Fechtlehrer.

Übungsstand Vier

Die Übungen der “Schwäche” (Fünf Wörter) sind der Schwerpunkt im vierten Übungsstand. Die Schwäche winkelt die Stärke in den Weg des Gegners, umgeht dessen Stärke und stiehlt sich in das Zentrum scheinbar ohne Widerstand. Die Schwäche als Gegensatz zur Stärke bezieht ihre Energie aus der Bewegung und der Kraft des Gegners. Der Anspruch an das Fühlen ist sehr hoch, ebenso wird ein tiefes Verständnis der Fechtbewegungen und Distanzen verlangt, auch die Fähigkeit zu antizipieren.

Im Übungsstand Vier erlernen die Fechter das Nachreisen. Es bedeutet technisch Fechten ohne Band. Erst jetzt, im Übungsstand Vier, sind die Fechter voll angriffsfähig geworden. Sie haben im Übungsstand Eins Vorausschau und Selbstschutz erlernt, im Übungsstand Zwei das Erhalten von Spannung im Bande im Nach, in Übungsstand Drei das Manipulieren dieser Spannung in der Stärke und im Übungsstand Vier die Schwäche. Jetzt im Übungsstand Vier sind die Fechter von allen Möglichkeiten des Gegners ausreichend befreit. Hier erkennt man die Logik der alten Fechter, welche das Nachreisen als Nachweis der Meisterschaft lobten.

Fechter im Übungsstand Vier können Fechtlehrer werden, sofern sie zuvor als Mentor aktiv waren oder eine entsprechende zusätzliche Ausbildung vorweisen. Ab diesem Übungsstand steht ihnen der Zugang zur Meisterprüfung offen.

Übungsstand Fünf

Es wird das Verständnis des “Indes” vertieft. Die Übergänge Schwach/Stark, Vor/Nach im Zusammenhang mit Weich/Hart werden erlernt. Der Eintritt in das Indes, das Arbeiten im Indes und das Verlassen des Indes werden geübt. Die exakte Beherrschung der Mensur zur genauen Steuerung der Bindungssituation stellt die größte Herausforderung.

Wir erlernen das Erkennen und verwenden weiterer Kräfte in der Fechtkunst, welche sich durch Winden und Wenden bei gleichzeitigem Schieben und Ziehen ergeben.

In den Ritterlichen Wehren vergleichen wir die Fechtbücher in der Tradition Liechtenauers und erarbeiten das Rapier nach Joachim Meyer aus dem Langen Messer nach seinem Manuskript.

Übungsstand Sechs

Es werden die Lehren anderer Meister erlernt außerhalb der Liechtenauer Tradition erlernt. Besonderer Schwerpunkte sind das Seitschwert / Rapier und die Stangenwaffen in den italienischen Quellen.

Die Anwendbarkeit der erlernten Prinzipien und der fünf Wörter werden überprüft.

Übungsstand Sieben

Übungsstand Sieben ist ohne Ende. Die Prinzipien sind erlernt und können nun frei angewendet werden. Das Lernen und Üben ist jedoch nicht zu Ende.


Dolch, Paulus Hector Mair

Übungsstände im Dolch

Der Dolch gehört zu den umfangreichsten Fechtlehren, die von mehreren Fechtmeistern ausgiebig betrachtet werden. Herausragend sind dabei Hans Talhoffer und ...
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Buckler und Schwert, Paulus Hector Mair

Übungsstände im Schwert und Buckler

Die Übungsstände im Schwert und Buckler sind im Schwerpunkt dem fränkischen Fechtbuch I.33 entnommen. Eine weitere Quelle ist der Zettel ...
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Ringen Paulus Hector Mair

Übungsstände im Ringen

Die Übungsstände im Ringen haben die Quellen Johannes Liechtenauer (GMN3227a), Ott Jud (ed. Hans Talhoffer) und Andre Liegnitzer als Ursprung ...
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langes messer

Übungsstände im Langen Messer

Die Übungsstände zum Langen Messer haben als Hauptquelle das umfangreiche Werk von Johannes Lecküchner. Die Übungsstände sind anspruchsvoller im generellen ...
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Mair, Paul Hector: De arte athletica I - BSB Cod.icon. 393(1, Augsburg, Mitte 16. Jh. [BSB-Hss Cod.icon. 393(1]

Übungsstände Halbe Stange

Die maßgebliche Quelle für die Übungsstände in der Halben Stange sind die Fechtbücher von Joachim Meyer im Manuskript und den ...
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Langes Schwert Paulus Hector Mair

Übungsstände im Langen Schwert

Das Lange Schwert ist das hauptsächliche Lehrinstrument der Liechtenauer Tradition. Die unten stehenden Übungsstände beziehen ihre Übungen, Techniken und Prinzipien ...
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