Keine Deutsche Fechtschule

Römische Fechtschule, Georg Balthasar Probst, 1770

„Deutsche Fechtschule“ und ähnliche Begriffe klingen nach Nationalismus und nach regionaler Ausgrenzung. Nichts liegt uns ferner. Daher verwenden wir diese Begriffe nicht. Die von uns bevorzugte Begrifflichkeit ist Historische Kampfkunst.

Kampfkunst ist universell

Kampfkunst ist wie Tanzen universell und kein Erbe einer Nation oder Rasse. Durch kulturelle Entwicklung tanzen wir heute anders als im Mittelalter. Wir tanzen in Bayern auch anders als auf einer Hallig in Friesland oder gar in Südvietnam, im Sudan oder im Amazonas. Genauso wie der Tanz die Völker der Welt vereinen kann im Rhythmus der Musik, kann Kampfkunst ein Vermittler der Kulturen sein. Es vergeht kaum eine Unterrichtseinheit, in der nicht die Gemeinsamkeit der Prinzipien in allen Kampfkunstkulturen benannt wird. Doch um Gemeinsamkeit zu erkennen, müssen wir zuvor unsere Kultur kennen. Dies ist unsere Aufgabe.

Eine “Europäische Kampfkunst” hat es nie gegeben. Eine Deutsche Kampfkunst hat es nie gegeben. Betrachtet man die Entwicklung der Blankwaffen in den Befunden, so wird der Einfluss vieler Regionen und Völker auf die Waffenkunst deutlich. Die Bewegungen der Kriegsreisenden und Händler ziehen schon in der Zeit der Phönizier um ein Drittel der  Welt. Zur Zeit der so genannten Wikinger ist der Globus von Nordamerika bis Japan fast umrundet. Bei genauer Betrachtung basiert die Fechtschule Liechtenauers als “Deutsche Fechtschule” auf europäisch-arabisch-asiatischen Wurzeln.

Wir verwenden den Begriff “Europäische Historische Kampfkunst” ausschließlich im Zusammenhang mit dem Quellenmaterial. Damit wird die Herstellungsregion der Archivalien, musealen Objekten und archäologischen Funde definiert. In der logischen Folge ergibt sich, dass diese Objekte in einer Kampfkunstkultur einer bestimmten Region und Zeit entstanden sind. Doch die Kampfkunst regional oder gar national zu beschränken wäre falsch.

Sprache

Es ist historischer Zufall, dass es wirklich sehr viele Quellen in der deutschen Sprache gibt, die uns bis heute erhalten geblieben sind. Diese sind für uns viel einfacher zu verstehen, als das Friulisch aus dem Späten Mittelalter. Allein diese sprachlich-kulturelle Nähe war für die Entscheidung, diese Quellen als Fundament zu wählen ausschlaggebend.

Dies bedeutet aber im Umkehrschluss, dass ein Mensch mit anderen kulturellen Wurzeln es etwas schwerer haben könnte, sich diesen Quellen zu nähern und die Kampfkunst zu erlernen. Wir wollen jedoch ausdrücklich alle einladen, an dieser großartigen Kampfkunstkultur teil zu haben. Daher pflegen wir einen großen englischsprachigen Blog mit über 150 Artikeln, Übersetzungen und Transkriptionen.

Alle Trainer sind bereit zweisprachig auf Englisch und Deutsch zu unterrichten. Niemand soll sich durch eine Sprachbarriere abgehalten fühlen.

Religion

Nicht wenige Menschen des Mittelalters waren intolerant, teilweise fanatisch, und abergläubig. Gerade Frankfurt am Main weist eine beschämende Geschichte des Antisemitismus auf. Eine Geschichte, die wir nicht leugnen, aber deren Fortsetzung wir auf das Schärfste zurückweisen. Wir halten uns an die Vorbilder, die ein tolerantes Miteinander vorlebten. Wenn wir also Bildquellen und Texte mit religiösen und abergläubischen Inhalt verwenden, spiegelt das nicht unsere Auffassung wieder, sondern sind Zitate in der Forschung. Bei uns ist jeder, unabhängig von seiner Religionszugehörigkeit oder Weltanschauung, willkommen.

Herkunft

Die wenigsten Menschen wissen, dass es im späten Mittelalter und der Renaissance bereits Fechtmeister mit so genannten Migrationshintergrund gab. In der Vergangenheit waren Menschen mit anderer Haut- und Haarfarbe ein seltener Anblick und Ziel von Spott und Hohn, aber auch Bewunderung (als Edler Wilder). Wesentlicher Punkt ist, dass es auch damals möglich war, unabhängig der Herkunft als anerkannter Kampfkünstler zu bestehen.

Aussehen ist heute kein Zeichen von Herkunft mehr. Und selbst wenn es für einzelne Individuen zutreffen mag, so ist es uns egal. Bei uns spielt Aussehen und Herkunft keine Rolle. Kampfkunst kennt nur Menschen und jeder Mensch ist uns willkommen.

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