Die 7 Todsünden des Historischen Fechtens

Im Christlichen Glauben fest verankert sind die Sieben Todsünden. Wir finden diese auch in anderen Religionen und Weltanschauungen, da sie universell geächtet sind und einer guten Lebensführung widersprechen. Auch Fechter verfallen der Sieben Todsünden und müssen gar nicht bis zum Jüngsten Gericht auf die Bestrafung warten. Das macht meist schon das nächste Sparring oder der Wettkampf.

Was die Sieben Todsünden des Historischen Fechtens sind, und woran man sie erkennen und bestrafen kann, beschreibt der folgende Artikel basierend auf einer Grundidee von Richard Cole, ausgearbeitet von Jens P. Kleinau. Der Text wimmelt von Fachausdrücken aus den Fechtbüchern zur Verwendung für fortgeschrittene Historische Fechter. Wer die Quellen kennt, wird aus den Ausdrücken und Sätzen die entsprechenden Fechtstücke und Übungen sofort ableiten können.

Todsünde: Hochmut oder Hybris

Erkennungszeichen: fliegender Ellenbogen

HochmutDer Fechter gibt sich keine Mühe mit dem Fechten und ist schlampig. Er glaubt es wäre nicht notwendig, die Techniken sauber und exakt zu fechten. Dabei macht er sich größer als er ist. Er lauert gerne, denn er fühlt sich überlegen und glaubt durch seinen Seitschritt perfekt zu winkeln. Im Gefecht führt er einen Hieb oder Stich aus und schlägt sofort einen zweiten Hieb in eine offene Blöße. Die zweite Aktion führt er ignorant durch, denn Doppeltreffer kümmern ihn nicht.

Bestrafung: Der Fechter wird mit den Armen immer horizontale Rotation erzeugen.  Seine Blößen liegen hinter dem Schwert oder dem Schild an den Armen. Er ist für Techniken wie Verführen und Fehler sehr anfällig. Man wechsele ihm aber nicht durch, denn er ignoriert jede Bedrohung außer sie ist schmerzhaft. Mutieren oder Duplieren mit gut verschränkter Mitte besiegt ihn.

Todsünde: Neid oder Eifersucht

Erkennungszeichen: Flucht aus dem Band, Meiden des Bandes im Vor

NeidDer Fechter will keine Bindung, er schlägt das Band aus oder zuckt sofort ab. Er versucht, immer im Umkreis und nicht im Zentrum zu fechten. Er meidet auch das Band im Vor.  Aber er duldet auch keinen anderen im Zentrum. Den Langort entgegnet er mit Ausschlagen wider die Fläche, Schwäche oder einem Abtritt. Das Zentrum besetzt er immer nur kurz, außerhalb der Reichweite oder mit gezuckten Stichen. Die Bindung im Sprechfenster wird er sofort durchwechseln oder abziehen, zucken und umschlagen.

Bestrafung: Dieser Fechter wird durch den Krumm- und Schielhau bestraft. Lange durchgezogene Krummhäue auf und nieder durch das Zentrum von beiden Seiten mit guter Fußarbeit, werden ihn reizen. Dabei sollten die eigenen Hände nicht unter die Stirnhöhe sinken. Er wird die Mitte besetzen wollen, dann wird der Schielhau ihn der Mitte berauben. Gerät er in Zorn, nimmt der Twer seine Wut auf.

Todsünde: Zorn, Groll und Bitterkeit

Erkennungszeichen: vorgeschobene Schulter

ZornDer Fechter akzeptiert kein Nach und will das Vor mit Gewalt. Er prellt, dämpft und schlägt hart in die Mitte oder gegen das Schwert. Er kommt immer mit Druck und vielen Hieben in Folge. Stiche mag er nicht und werden sie gegen ihn gerichtet, tritt er seitlich ab und schlägt gegen die Klinge und dann sofort zum Mann. Er verwendet den Twer zum Angriff oder als Mittelhau gegen den Mann, Geißeln zum Bein findet er gut. Nahend wird er frontal einlaufen und ringen. Er entwaffnet nicht, sondern greift den Arm.

Bestrafung: Das Ableiten und Abtreten, wird den Zornigen nicht besänftigen aber ermüden. Wer die Flächen zu schwächen weiß, wird dem Zornigen seine Sicherheit rauben. Zeckige Rühren und Lähmhäue im Nachreisen werden ihn weiter erzürnen, daher ist die Distanz zu wahren. Da Zorn schnell verraucht, ist Geduld die beste Entgegnung.

Todsünde: Geiz und Enge

Erkennungszeichen: Kurz hauen, unnötiger Hutenwechsel

Geiz und NeidDer Fechter schützt sich eng und tritt zurück. Folgt man ihm, so wird droht das Nachlaufen der Häue, auf das er mit Zecken lauert. Seine eigenen Haue sind gegen die andere Klinge gerichtet. Der Geizige glaubt sich im Nach(teil) und sieht im Lauern auf Gelegenheit liegt sein Vor(teil). Will er treffen, so wendet oder verwandelt er den Stich in den vier Versetzen (Vorsetzen). Das Durchwechseln gehört zu seinen Lieblingsstücken.

Bestrafung: Wenn er dich ankürzt, so kann ihn der verdoppelte Schielhau des Durchwechselns berauben. Auch der Langort (eingeschossen nach einem Hau) zwingt ihn zum Versatz, in welchem er durch Duplieren oder Mutieren getroffen wird. Vor dem Verweilen im Langort oder in den Huten Ochs und Pflug muss man sich hüten, denn der Geizige wird die Arme angreifen. Alber, Tag und Nebenhuten (Wechsel) mit sauberen langen Häuen werden den Geizigen noch weiter in die Enge treiben.

Todsünde: Flatterhaftigkeit

Erkennungszeichen: Abseitige Klinge

Wollust, FlatterhaftigkeitDer Fechter ist unkonzentriert und kann seinen Fokus nicht auf den Gegner richten. Sein Bestreben ist ein schneller Treffer an einer Blöße zu erzielen und Fliehen in die Distanz. Strukturiertes Fechten und Geduld liegen ihm nicht. Er weicht und springt vor mit einem schnellen Schlag oder selten auch ein Stich. Seine Aktionen sind meist einzelne Hiebe, selten ein zweiter und nie mehr als drei in einer Folge.

Bestrafung: Da der Flatterhaftige auf die Regel „Kein Fechter schützt sich ohne sich zu bewegen“ baut, ist er durch Stete zu bestrafen. Der Twer ist ein formidabler Hau, lang gefochten und das Gehilz vor der Stirn, hält den Gegner auf Distanz und beraubt ihn der Gelegenheit. Stetes Bewegen, ohne Hektik und in guter Distanz wird den Flatterhaftigen das abfordern, was er ab wenigsten hat: Geduld. Will er zu dir springen, trete ab und setze ihm den Langort auf die Brust oder ins Gesicht.

Todsünde: Unmäßigkeit und Gier

Erkennungszeichen: den Hauen nachgehen

VöllereiDer Fechter will schneller zum Ziel und giert den Treffer zu erzielen. Er versucht ständig den Gegner vorzukommen. Sieht er eine Bewegung im Ansatz, wird er zu antizipieren versuchen und eine Stich landen wollen, der gleichzeitig auch den Hau blockieren könnte. Der Gierige schlägt immer zum Gegner, oft mit einem Sprung nach vorn oder zur Seite. Gerne verwendet er den Twer in einem Seitsprung. Hat der Gierige keinen Treffer erzielt, geht er ins Ringen.

Bestrafung: Die Gier ist die Mutter der Doppeltreffer. Den Gierigen zu treffen ist nicht schwer, nicht getroffen zu werden, dagegen sehr. Absetzen und Versetzen formen den Schild gegen die Gier. Ist man zornig im Zufechten und lässt ihn nicht zum Schlage kommen, so kann man im Abtreten ihn zu sich ziehen und in die Falle laufen lassen. Denn der Gierige ist anfällig dafür, den Häuen gradlinig nachzulaufen. Der Schritt im Triangel wird ihn bezwingen. Ihm ist dann leicht einzulaufen oder durchzulaufen.

Todsünde: Trägheit

Erkennungszeichen: Zurückgestellte Hüfte, Fechten in einem unverändert hohen Stand

FaulheitDen Fechter kümmert nicht, was der andere fechtet. Er bewegt sich ungern in der Höhe, seine Fußarbeit ist immer die gleiche. Er  zieht einfach sein Ding durch. Flexibilität und Anpassung liegen ihm nicht. Zwei oder drei Fechtaktionen sind in Serie von ihm zu erwarten. Dann tritt er zurück oder liegt im Ringen.

Bestrafung: den Trägen hängt man am besten ab. Sein Mühen wird vergeblich sein, wenn er den Hängen mit dem Stich und dem Schnappen begegnet. Der Fechter bemerke die Schritte des Trägen wohl, und mag ihm zur Seite springen oder weit aus dem Hau treten. Bis er sieht, wie er ihn am besten haben mag. Der Träge wird die Standard-Versetzen gut kennen, schneidet man seine Häue ab und dämpft man die Stiche, so wird er sein Ding nicht durchziehen können.

Zusammenfassung

Die Sieben Todsünden des Fechtens stehen in der Tradition der fechtmeisterlichen Darstellung der Gemüter (aus der Temperamentenlehre) der Fechter wie sie beispielsweise bei Joachim Meyer in der Summa zum Rapier zu finden sind: der erste Fechter ungestüm (Choleriker), der zweite Fechter listig und verschlagen (Phlegmatiker), der dritte vorsichtig und misstrauisch (Melanchoniker), der vierte Fechter albern (Sanguiniker). Ob eine Einteilung in vier oder in sieben sinnvoller erscheint, mag dem Leser überlassen bleiben. Die Methodik bleibt gleich. Es sind Eselsbrücken, die eigene Fechtkunst zu bessern.


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