Die Illusion “guter” Ausrüstung

In der Kampfkunst ergeben sich grundsätzlich drei Methoden zur Mitigation der Trefferwirkung:

  1.  Ausweichen,
  2.  Abwehren,
  3.  Rüstung.

Ausschließlich die letztere lässt sich käuflich und somit schnell und in relativer Mühelosigkeit erwerben [i].

In den letzten Jahren sind alle Teile der Ausrüstung verbessert worden und sind in mehreren Varianten von mehreren Anbietern verfügbar. Die Fechter wünschen sich eine Aus-Rüstung, welche bei hohem Erhalt der Beweglichkeit für die eigenen Aktionen gleichzeitig Schmerz mindert und Verletzungsrisiko minimiert. Schlechte Ausrüstung (wie besonders „klobige“ Handschuhe und schwere Fechtwaffen) mindert in der Auffassung der Fechter die Chance, eine fechterische Aktion korrekt und zügig durchzuführen [ii].

Mindere Ausrüstung ist somit ein negativer Faktor für das eigene Erfolgserleben (bei gleichzeitiger Entlastung für den Fechter bei der Ursachenfeststellung). Gute Ausrüstung schützt den Fechter vor den nachteiligen Empfindungen des Getroffen-Werdens, welches zu Recht als Bestrafung für Fechtfehler gesehen wird. Die Qualität der Ausrüstung verstärkt folglich die negative oder positive Wahrnehmung der eigenen sportlichen Leistung.

Sozio-demographische und Sozio-ökonomische Faktoren spielen beim Kauf von Ausrüstung eine geringere Rolle als beispielsweise der Wunsch an Wettkämpfen teilzunehmen [iii]. Auch wenn „normales“ Kaufverhalten [iv] kein Anzeichen für Sucht beinhaltet, so ist für den angehenden Wettkämpfer der Erwerb „guter Ausrüstung“ mit einem fünffachen Erfolgserleben verbunden: 1. Der Kauf als solcher, 2. die verstärkte Wahrnehmung sportlicher Leistungen (siehe oben), 3. der sportliche Erfolg durch faktisch geringere Behinderung der Bewegung, 4. Wohlfühlen durch geringerer Wärmeentwicklung und besserer Schweißaufnahme [v], 5. Bedeutung als Statussymbol und Ausdruck der Zugehörigkeit [vi].

Unzweifelhaft bleibt die „Bestrafung“ als Trefferwirkung durch ausreichend heftige Treffer sowie verlorene Punkte im Wettstreit bestehen, doch der wesentliche Aspekt der Angst vor der gegnerischen Klinge wird genommen. Das subjektive Empfinden der Sicherheit (der körperlichen Unversehrtheit) durch Aus-Rüstung ermöglicht besonders im Wettkampf eine Art zu Fechten, welche sich deutlich weniger mit den Alternativen des Nicht-Getroffen-Werdens auseinandersetzen muss. Dies interagiert stark mit der Ausübung von Frei- und Wettkampf, in welchem ein Zuvorkommen (der Ersttreffer) belohnt wird.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Reduzierung des Negativempfindens der Trefferwirkung durch Ausrüstung die Notwendigkeit zum Erwerb von fechterischen Fähigkeiten zur Vermeidung der Treffer deutlich mindert. Gleichzeitig wird dem Fechter ein Erfolgserlebnis beim Kauf und der Verwendung vermittelt. Mit dem Erwerb und der Nutzung einer guten Ausrüstung wird die Illusion eines Zugewinns an fechterischen Können vermittelt, obwohl ein bestimmender Faktor der Kunst abhandenkommt bzw. in der Priorität im Curriculum des Fechtschülers sinkt. Diese Illusion ist so lange wiederholbar, sofern sich das Versprechen wiederholen lässt, dass ein Neuerwerb einen Qualitätsvorteil darstellt (selbst wenn dem faktisch nicht so ist).

Anmerkungen / Quellen

[i] In der persönlichen Wahrnehmung des Autors wird mit deutlicher größerer Häufigkeit wird in der Gemeinschaft der Fechter über Ausrüstung diskutiert und nicht wie die beiden ersten Methoden effektiv zu erlernen wären.

[ii] Vergleiche dazu: Hecht R., Auswirkungen der Passform alpiner Skischuhe auf skispezifische motorische Bewegungssituationen,  Dissertation zur Erlangung des Akademischen Grades, Technische Universität Chemnitz, Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften, 2013

[iii] Vergleiche: Thibaut, E.: Expenditures on sports apparel: a comparison between mountainbikers, bicycle racers and recreational bikers. Paper presented at the 19th Conference of the European Association for Sport Management, 2011, Madrid, Spanien. Retrieved from: http://easm.net/download/2011/34b95e3430cb0bac74a7fde91cf61a04.pdf

[iv] Müller, A. & de Zwaan, M.: Macht zu viel kaufen krank? Pathologisches Kaufen als kulturspezifischer Verhaltensexzess. Die Psychiatrie, 2009, 3, 154-159.

[v] Vergleiche Huber, S.: Einfluss von Material und Gestaltung der körpernahen Bekleidungsschicht auf ausgewählte Leistungsparameter bei sportlichen Aktivitäten, Dissertation an der Technischen Universität München, Fakultät Sportwissenschaft, 2008

[vi] Justo, Graciette Ruf da Cunha Duarte: Kleidung als symbolische Selbstinszenierung. Nonverbale Botschaften über das Individuum. Diplomarbeit für die Prüfung zum Erwerb des Akademischen Grades. Kassel 2005, S. 2.

 

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