Fechten nach den Quellen als Techniksammlung

In diesem Artikel geht es um die Problematik, dass man trotz exaktem Nachahmen der Fechtquellen, kaum Fortschritt im Erlernen der Fechtkunst macht. Dies passiert aufgrund von zwei wesentlichen Fallen, in die wir historische Fechter nur zu gerne hineintappen.

Wenn wir historische Kampfkünste lehren und trainieren, müssen wir uns einiger Fallen bewusst sein, in die wir geraten können. In einer kleinen Serie von Artikeln werde ich auf einige der Fallstricke beim Erlernen des historischen Fechtens hinweisen. Vor Fallen gewarnt zu werden, hilft uns, sie zu vermeiden oder zu entschärfen. Diese Artikel werden den Ausbildern und Fechtern helfen, die Prioritäten richtig zu setzen und den Fokus auf das Erlernen von “der Kunst, die sie zieret” zu legen.


Die Fechtquellen weisen eine hohe Dichte an „Techniken“ auf, die scheinbar Antworten auf Aktionen des Gegners darstellen. Das heißt, das Fechten wird eine Art „Schachspiel“ mit Stahl in erhöhter Geschwindigkeit. Hat man genügend Antworten auf die Züge des Gegners gelernt und ist man dem Gegner einen Zug voraus, gewinnt man den Kampf. Unter dieser Annahme werden die Techniken der Quellen möglichst buchstabengetreu nachgetanzt und exakt so geübt wie man aus dem Text herausliest. Da die Techniken grundsätzlich mit einem Treffer = Erfolg enden, stellt sich bei dem einigermaßen korrektem und wiederholbaren Durchführen die Zufriedenheit über den subjektiven Lernerfolg ein. Weiteres Üben scheint nicht notwendig, denn „zufriedener“ wird der Übende nicht.  Es warten noch viele anderen Techniken zum Erlernen mit weiteren kleinen Erfolgserlebnissen. Genug für mehr als ein Jahr fröhlicher Beschäftigung und Spaß mit Schwertern.

Tatsächlich stellt sich aber grundsätzlicher Fortschritt in der Kampfkunst nur sehr langsam ein, welches sich bei einer objektiven Lernerfolgsmessung offenbaren würde. Denn Techniktraining ist nur ein winziger Bruchteil einer umfassenden Ausbildung [i]. Eine Übernahme der Technik in den Wissensvorrat (Definition nach Alfred Schütz [ii]) des Fechters ist nicht durch einfaches Nachahmen möglich. Nachahmen einer Choreographie ist vergleichbar mit der exakten Lautwiederholung des gesprochenen Satzes in Polnisch „Nie mówię dobrze po polsku.“. Durch die Nachahmung kann der Sprechende nur genau diesen Satz im Klang wiederholen. Ein praktischer Wissensvorrat oder gar ein Sprachverständnis des Polnischen stellt sich auch nicht dadurch ein, dass zwei Dutzend dieser Sätze nachgesprochen werden.

Zudem sind die Bücher gar nicht als Techniksammlungen gedacht, sondern sie sind choreographierte Übungen [iii]. Es soll keineswegs Stahl-Schach gespielt werden, sondern die Übungen sollen Prinzipien durch Bewegungsordnungen verdeutlichen. Jede in den Quellen verfasste Übung ist exemplarisch zu sehen. Sie sollte durch Varianten und etliche Teilübungen vertieft werden. Ohne begleitende Übungen zu grundsätzlicher Bewegung, zu der Durchführung von Hand- und Fußarbeit mit und ohne Waffe, ist das Prinzip nicht erlernt und die Technik als solche wertlos. Sie wird im Freikampf oder Wettkampf kaum Anwendung finden [iv].

Fortschritts und Vielfalt

Das Internet bietet in Bezug auf die Historische Kampfkunst eine ungeheure Vielfalt von digital aufbereiteten historischen Quellen. Die hohe Vielfalt der Fechtbücher über einen Zeitraum von über 500 Jahren [v] erlaubt eine ebenso große Diversität von Gruppen, die sich an diesen Quellen orientieren und sich darauf berufen. Die Gruppen unterteilen sich grob in „Fechtstile“ anhand der Sprachzugehörigkeit ihrer Quellen (Deutsch, Italienisch, Spanisch) und passende Abschnitte der Geschichte (Spätmittelalter, Renaissance, 17. bis 19. Jahrhundert, sowie die Moderne). Zu der Varianz der Quellen erscheint als Multiplikator die Interpretation. Jede Quelle kann durch Auslegung eine teilweise völlig abweichende Ausprägung in der praktischen Durchführung erhalten. Der Mangel an Qualitätskriterien zur Messung der Plausibilität einer Auslegung (als Umsetzung einer Quelle und als praktikable Kampfkunst) mag ein berechtigter Kritikpunkt sein, ist jedoch nicht Thema dieses Textes. Die hier untersuchte These besagt, dass bei gleichzeitiger Glückseligkeit des Konsums die Vielfalt eine Illusion des Lernerfolgs vermittelt, der faktisch jedoch kaum vorhanden ist.

Befriedigte Neugier erzeugt ein Erfolgserlebnis mit entsprechender Ausschüttung von Dopamin [vi]. Kann der Trainer einer Fechtgruppe regelmäßig mit etwas Neuem aufwarten, so wird Neugier geweckt und befriedigt. Würde dabei über einen geregelten Plan, die gemeinsamen Prinzipien der Fechtstücke in sich ständig wiederholenden Bewegungsmustern geübt, so wäre trotzdem ein spürbarer und nachweisbarer Lernerfolg in der Kampfkunst sichtbar. In den hier relevanten Fällen wird eine Quelle jedoch entlang der verschriftlichten Reihenfolge in attraktiven Stücken (selten in Vollständigkeit) durchgegangen und dann eine neue Quelle aufgetan. Die Fechter können somit jede Trainingseinheit mit einer Überraschung rechnen und neugierig sein, was in der nächsten Zeit das Thema sein wird.

Diese Überraschung mindert für die Fechter die Möglichkeit, sich selbst mit den Quellen und der Sekundärliteratur auseinander zu setzen. Sie können sich nicht vorbereiten und ein Vertiefen wird nicht unterstützt. Dieser Zustand liefert dem Übungsleiter zwar ein Monopol auf das Wissen, erschwert aber auch das Ausbilden von Trainern ungemein.

Die Befriedigung von Neugier vermittelt den Schülern das Gefühl etwas gelernt zu haben, doch faktisch wurde nur Neugier befriedigt und vereinzelte Bewegungsketten konsumiert. Es entsteht die Illusion eines Lernfortschrittes, der in Wirklichkeit nur schleichend voran geht. Unter solchen Bedingungen werden Bewegungsordnungen nur sehr langsam erlernt. Der Lernende muss sie sich selbst, bewusst oder unbewusst, erarbeiten.

Entschärfung der Falle

Nur ein paar Schläge und Bewegungen über ein Jahr zu üben, scheint langweilig und weniger attraktiv zu sein, auch wenn es den Fechter schneller zur Meisterschaft bringt, als durch die Quellen zu springen. Aber es muss nicht langweilig sein.

  1. Fraktale
    Man unterteilt die Technik, die man unterrichten möchten, in kleine Teile. Man lehre jedes Teil mit kleinen Variationen, bis die Fechter jedes wirklich gut können, und dann setzen man die Teile langsam zusammen.
  2. Körper / Füße bewegen sich immer gleich
    Die Grundlage des Fechtens ist es nicht, getroffen zu werden, daher ist es wichtig, die Klinge zwischen den Gegner zu bringen oder aus dem Angriff herauszulaufen. Diese Körperbewegung (insbesondere die Fußarbeit) kann auf eine Vielzahl von Techniken und verschiedenen Waffen angewendet werden. Man kann mit der gleichen Beinarbeit für mindestens 3-6 Monate bleiben, und die Körperbewegung wird dabei richtig gut erlernt.
  3. Anfang, Mitte, Ende
    Jede Aktion des Fechtens ist in die drei oben genannten Teile unterteilt. Man bleibe bei einem Teil für 3 Monate, aber ändert die anderen. Dann wählt man einen anderen Teil, bei dem man bleiben will.
  4. Die vier Blößen
    Jede Haupttechnik ist so konzipiert, dass sie an jeder der vier Blößenfunktioniert, auch wenn sie nur für eine beschrieben wird. Nur die spezialisierten Techniken, die spät im Lehrplan gelernt werden, funktionieren nur von einer Seite und/oder einer Höhe.
  5. Links und Rechts
    Das Gleiche von beiden Händen zu lernen ist praktisch und hilft dem Körper zu verstehen. Mehr dazu, Sie können es linkshändig gegen rechtshändig mit einigen Anpassungen lernen.
    Es gibt sicher noch mehr Methoden, um die Falle zu entschärfen und so lange bei der gleichen Hauptbewegung zu bleiben, bis sie wirklich gelernt ist. Bitte fühlen Sie sich eingeladen, Kommentare abzugeben und einige Ideen einzubringen.

 

Anmerkungen und Quellen

[i] Vergleiche dazu: Böcker, W. : Methodische Wege zur Entwicklung von Judotechniken unter Berücksichtigung von Übungs- und Spielformen, 2011, Werne

[ii] Luckmann, T./Schütz, A.: Routine im Wissensvorrat: Fertigkeiten, Gebrauchswissen, Rezeptwissen. In: Dies.: Strukturen der Lebenswelt. Konstanz, 2003, S. 156-163.

[iii] Schindler, L.: Das sukzessive Beschreiben einer Bewegungsordnung mittels Variation. In: Alkemeyer, T./Brümmer, K./Kodalle, R./Pille, T. (Hg.): Ordnung in Bewegung: Choreographien des Sozialen. Körper in Sport, Tanz, Arbeit und Bildung, 2009, Bielefeld, S. 51-64.

[iv] Schindler, L.: Eine Kampfkunst lernen: Didaktische Transformationen und somatische Kommunikation. Paragrana, 2016, 25(1), S. 361-372.

[v] In der Online Quellensammlung WIktenauer sind 166 Handschriften, 21 Inkunabeln, 82 Druckwerke verfügbar (abgerufen 15. März 2018)

[vi] Gruber, M. J. Gruber/Gelman, B. D./ Ranganath, C.: States of Curiosity Modulate Hippocampus-Dependent Learning via the Dopaminergic Circuit, Published Online: October 02, 2014, DOI: https://doi.org/10.1016/j.neuron.2014.08.060

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