Jeanne de Clisson, Piratin des 13. Jahrhunderts

Jeanne de Clisson, Jeanne de Belleville

Weibliche Piraten sind in Hollywood Filmen attraktiv, doch bis auf wenige Ausnahmen meist ihren männlichen Kollegen unterlegen. Warum eigentlich? Ein Schiff oder einen Säbel zu führen, ist bei weitem keine geschlechtsspezifische Fertigkeit. Die Geschichte lehrt uns, dass viele Frauen sehr erfolgreiche Piraten waren. In dem folgenden Artikel lernen wir eine extrem tapfere Kämpferin kennen. Ihr überaus dramatisches Schicksal wäre mehr als ein Hollywood Film wert: Jeanne de Clisson, die Löwin der Bretagne genannt.

Kinderehe

Belleville-sur-VieJeanne Louise de Belleville wurde um das Jahr 1300 in Belleville-sur-Vie geboren. Die Gemeinde liegt am Fluss Vie, der etwa 60km weiter westlich in den Atlantik mündet. Sie war die Tochter der Edelleute Maurice IV und and Létice de Parthenay. Ihre Kindheit auf dem väterlichen Gut in Bellville dauerte nur bis zum 12. Lebensjahr.

Jeanne wurde an den sieben Jahre älteren Geoffrey de Châteaubriant VIII verheiratete. Die Ehe hielt bis zum Tode von Geoffrey vierzehn Jahre lang. Zwei Kinder brachte Jeanne zur Welt. Ihr erstes Kind Geoffrey IX bekam sie mit 14 Jahren und mit 16 seine Schwester Louise. Geoffrey starb 1347 in der Schlacht von La Roche-Derrien. In dieser Schlacht kämpften die Anhänger von Jeanne de Montfort gegen Charles de Blois und obsiegten. Daraufhin erbte Louise die Baronie. Sie lebte bis 1383.

Zukünftige Herzogin der Bretagne

Um ihre minderjähren Kinder zu schützen, heiratete Jeanne im Alter von 28 Jahren Guy de Penthièvre, Sohn des Herzogs der Bretagne. Aber diese Ehe war dem Machtbestreben der Familie de Blois nicht recht. Der Familienclan wollte John de Montfort als Erbe mit Anspruch auf den Herzogtitel der Bretagne ausbooten. Die Bischöfe von Vannes und Rennes auf der Seite der de Blois, riefen Papst Johannes XXII auf, die Ehe zu annulieren.

Die Intrige war erfolgreich. Jeanne war wieder auf sich gestellt und Guy de Penthièvre war nun frei, in die Familie de Blois zu heiraten. Doch ironischerweise starb dieser vor dem Ehevollzug. Aber echte Intriganten haben immer einen zweiten Plan in der Tasche. Kurzum heirate Charles de Blois die Tochter und so wurde Guy de Penthièvre posthum der Schwiegervater von Charles de Blois. Nun konnten die de Blois nach der Bretagne greifen. Der Krieg um den Herzogtitel brach aus.

Jeanne de Clisson, die Mutter

Jeanne war 30 Jahre alt, ihre Kinder Geoffrey 16 und Louise 14. Sie heirate Olivier von Clisson. Ein reicher bretonischer Edelfreier. Gemeinsam hatten sie in den nächsten 9 Jahren fünf Kinder. Es sah nach einer erfüllten und vermutlich glücklichen Ehe aus. Doch der Erbfolgekrieg zerriss die Familie de Clisson.

Olivier entschied sich, für die Seite der De Blois. Jeanne de Clisson dürfte nicht sehr glücklich mit dieser Entscheidung gewesen sein. Ebenso wie Oliviers Bruder Armaury. So zog Olivier nach Vannes, um es gegen Montfort zu verteidigen, während Armaury unter der Flagge Montforts im diplomatischen Dienst stand. Mit Hilfe der Engländer gelang der Montfort Fraktion Vannes zu erobern. Olivier als Heerführer der Verteidiger geriet in Gefangenschaft. Doch kam gegen ein erstaunlich geringes Lösegeld und im Austausch gegen einen Gefangenen wieder frei. Das Misstrauen ihm gegenüber wuchs. Aber Charles de Blois brauchte das Geld der reichen Familie Clisson. Bis sich eine Gelegenheit ergab.

Der Verrat

Enthauptung von Olivier, Ehemann von Jeanne de ClissonIm Waffenstillstand von Malestroit von 1443 rief Charles de Blois zu einem Turnier auf. Olivier und seine Ritter zogen nach Frankreich, um der Einladung zu folgen. Zu ihrer Überraschung wurden sie jedoch verhaftet und vor ein Tribunal nach Paris verschleppt. Unter der schweren Folter gestand Olivier einen Verrat und wurde zusammen mit neun weiteren bretonischen Edelleuten enthauptet. Sein Vermögen sollte nun eingezogen werden und die Kriegskasse de Blois füllen.

Der Schock unter den bretonischen Adeligen war groß. Ein Exempel war statuiert worden und sollte für Einschüchterung sorgen. Doch hier hatten sich die Franzosen verrechnet. Jeanne de Clisson nahm ihre beiden Söhne Olivier (7 Jahre) und Guillaume (5 Jahre) mit nach Paris und zeigte ihnen die abgeschlagenen Köpfe. Laut und vor Zeugen schwor sie Fehde und Rache an Charles de Blois und Philip VI, König von Frankreich.

Jeanne de Clisson, die Grausame

Reaktionsschnell, bevor die Handlanger de Blois etwas erreichen konnten, veräußerte sie die Güter Clissons. Mit dem Geld hob sie ein Söldnerheer aus, das sie selber anführte. Erfolgreich setzte sie immer wieder Nadelstiche gegen die französischen Truppen in der Bretagne. Gnade kannte sie dabei nicht.

Besonders grausam zeigte sie sich bei der Eroberung der Burg von Galois de la Heuse. Dieser diente offen Charles de Blois und besiegelte damit sein Schicksal. Bis auf einen Mann metzelten ihre Truppen die Garnison nieder. Nur einer sollte als ihrer Rache Zeuge überleben. Nicht viel besser erging es der Besatzubng von Château-Thébaud. Diese Burg wurde einst von ihrem Mann gehalten. Die teilweise noch loyalen Anhänger der Clissons entgingen der Rache und unterstützten Jeanne.

Jeanne de Clisson, die Piratin

König Edward III von England, erkannte, welch hervorragende Kämpferin und Heerführerin Jeanne war. Ihr Ruf als schreckliche und grausame Rachegöttin kam ihm recht. Doch auf Land würde sie, als eigenständig handelnde Frau, seinen langfristigen Plänen in Wege sein. Doch auf See würde ihr Ruf ihm strategisch nutzen. Niemand würde es wagen eine Flotte zur Unterstützung zu senden, wenn eine skrupellose Rachegöttin dort ihr Unwesen triebe.

Er garantierte ihr ein Einkommen aus englischen Ländereien und statte sie mit drei Kriegsschiffen aus. Mit diesen führte Jeanne de Clisson ein brutales Piratendasein. Sie überfiel spanische und französische Schiffe, plünderte und brandschatzte Dörfer und Städte auf der Seite de Blois. Der Anblick der schwarzen Schiffe mit den roten Segeln verbreitete Angst und Schrecken auf See und an der bretonischen Küste bis hin zur Normandie und Spanien.

Grabstein Olivier de Clisson, Sohn von Jeanne de ClissonNicht immer war das Glück auf der Seite der Piratin. Als ihr Flagschiff in einer Schlacht sank, trieb sie mit Überlebenden für etliche Tage auf See. Ihre Söhne Olivier und Guillaume waren bei ihr, doch nur Olivier überlebte als sie schließlich gerettet wurden.

Jeanne Bentley von England

Ihre beeindruckende Leistung führte unter den Engländern zur Anerkennung und Respekt. Besonders angetan war Sir Walter Bentley, der sie zur Ehe nehmen wollte. Im Alter von 56 Jahren heiratete Jeanne ein viertes mal und beendete ihren persönlichen Krieg. Nach 13 Jahren Piraterie erlebte sie drei relativ friedliche Jahre unter den Anhängern von de Montfort in Hennebont. Jeanne de Clisson starb im Alter von 59 Jahren.

Ihr Sohn Olivier de Clisson konnten den Titel seines Vaters erlangen, nachdem Charles de Blois geschlagen war. Seine von der Mutter erlernten Kompetenzen waren ihm äußerst dienlich. Er wurde 1380 Constable de France, der oberste Heerführer Frankreichs, unter Charles VI. Doch auch ihre Brutalität war ihm eine Lehre. Er trug den Beinamen „le Boucher“ – der Schlachter.


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