Konzept

Erkenne dich selbst (roemisches Mosaik)

γνῶθι σεαυτόν – Erkenne dich selbst! ist der vielzitierte Sinnspruch des Apollon Tempel in Delphi. Doch ohne die zweite Inschrift μηδὲν ἄγαν – Nichts im Übermaß! fehlt ein wesentlicher Teil des Gesamten. Denn Selbstreflexion, das eigene Selbst, ist nicht das Zentrum des Universums. Die Inschriften sollen – wie Platon erklärt – das eigene Selbst im Verhältnis zu einem Gott deutlich machen. Der Gott Apollon, personifiziert die Sonne, den lichten Tag, und findet sich auch in Lehren Liechtenauers und Talhoffers als höchste Position des Schwertarms symbolisiert wieder. Maßhaftigkeit im Lichte dieser Bedeutung ist einleuchtend.

Geist

Sich selbst und die Welt zu erkennen, wie sie wirklich und wahrhaft ist, stellt die wesentliche Notwendigkeit der Kampfkunst dar. Wenn scharfe Waffen geführt werden kann jede Fehleinschätzung sofort zum Tode führen. In Kontrast dazu ist unsere moderne Welt voller Fehlinformationen wie Werbung, und stellt den Egoismus zur Leistungsoptimierung in der beruflichen Karriere als erstrebenswert dar. Wir wollen keine bessere Welt predigen, aber es muss jedem klar sein, dass erfolgreiche und reine Kampfkunst konträr zu sehr vielen Dingen der konsumorientierten Welt stehen muss. Dieser Kontrast ist historisch und findet sich auch in unseren Fechtbüchern dargestellt. Diese heben die Tugenden hervor, die einen jungen Ritter zu einem besseren Kampfkünstler machen. Unter all diesen Tugenden ist die Maßhaftigkeit, die hervorstechendste. Und unter allen Fähigkeiten ist das Fühlen, die Wahrnehmung, die wichtigste. Es ist kein Zufall, dass sich hier ein Bogen von der Antike bis in die Moderne spannt.

Charakterbildenden Eigenschaften

Die Anzahl der Fechtmeister, welche die positiven charakterbildenden Eigenschaften der Kampfkunst betonen, ist enorm. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch alle Kulturen, welche eine Kampfkunstphilosophie herausgearbeitet haben. Erkenne dich selbst! in Relation zu der wirklichen Welt. Nichts im Übermaß! sind die Eckpfeiler jeder dieser Philosophien.

Im Unterricht werden wir die Schüler mit Merkwürdigkeiten jeglicher Art konfrontieren. Nicht alles ist ernst gemeint und entspricht gar unserer Überzeugung. Vieles entstammt den mittelalterlichen und späteren Quellen und soll dem Schüler helfen, ein Gefühl für den Kontext zu bekommen.

Eingefahrene Denkmuster durchbrechen

Nicht selten geht es uns darum, die vorhandenen geprägten Denkmuster in das Wanken zu bringen. Feste Muster verhindern mit offenen Augen durch das Leben zu gehen. Das mag dem mit dem Handy fest verbundenen Scheuklappenläufer noch gelingen, doch Ignoranz und Blindheit gegenüber Details und Zusammenhängen im Gefecht sind tödlich. Hohe Aufmerksamkeit, richtige Wahrnehmung und eigenständiges Denken sind Garanten für das Überleben im Fechten. Dies zu fördern ist uns ein hohes Anliegen

Körper

Der Körper als Ausführender der Kampfkunst ist enormen Anforderungen ausgesetzt. Dies von einem Menschen zu erwarten, der tagtäglich seinem Beruf nachkommt, ist nicht richtig. Ebenso falsch die Illusion zu vermitteln, dass man mit ein wenig Üben in wenigen Wochen, zu einer Kampfmaschine wird. Jeder Mensch besitzt einen unterschiedlichen Körper, der über Jahrzehnte verändert wurde. Zumeist wurde der Körper durch die berufliche Tätigkeit misshandelt. Fehlhaltungen, Beschwerden besonders in Rücken, Knie und Schulter sind Volkskrankheiten.

Vorbereitung

Wir sehen uns in der Pflicht, den Körper unserer Schüler auf die Kampfkunst vorzubereiten. Jeder Schüler wird von uns individuell betrachtet. Unser Blickwinkel ist ein anderer als der eines ausgebildeten Fachmanns im Medizinbereich. Daher sind wir sicherlich auch keine Hilfe bei akuten Problemen, die ärztlich behandelt werden sollten. Der Vergleich einer Haltung und Bewegung, wie sie sein sollte und wie sie vom Schüler ausgeführt wird, lässt uns jedoch sehr gut erkennen, wo die Probleme sind. Nicht nach wenigen Minuten Betrachtung, sondern nach Stunden bilden wir unsere Meinung. Wir verfügen über einen breiten Fundus an Übungen, die im Unterricht durchgeführt werden. Zusätzlich geben wir dem Schüler für zu Hause weitere Übungen aus der Kampfkunst, aus der Krankengymnastik und anderen Quellen von Yoga bis Tai-Chi mit, die Probleme verhindern oder beheben können.

Haltungs- und Bewegungsmuster

Auch bei der Formung des Körpers müssen wir vorhandene Haltungs- und Bewegungsmuster durchbrechen oder „entlernen“. Wer gewohnt ist, täglich über Stunden eine sitzende Tätigkeit durchzuführen, wird einen schlechten Stand haben und falsch laufen. Es wird also notwendig sein, das Sitzen als immer eingenommene grundsätzliche Haltung zu entlernen und eine flexible, der Situation angepasste Haltung wieder zu lernen.

Reines Krafttraining führen wir im Unterricht nicht durch. Jegliches Training steht im direkten Zusammenhang mit der Kampfkunst. Diese bietet ein Universum an Übungen für jeden Zweck. Viele dieser Übungen sind Jahrhunderte alt. Nur wenige sind von uns „frei“ erfunden. Wir stehen hier in einer Tradition von Fechtmeistern, ohne uns selber so nennen zu wollen. Doch schöpfen wir aus deren fundiertem Wissen und den in verschiedenen Varianten überlieferten Anleitungen.

Zusammenfassung

In der Fechtfabrik verfolgen wir einen ganzheitlichen Ansatz für Geist und Körper. Dies ohne Schnörkel oder Mystik. Wir bereiten Geist und Körper für die Kampfkunst vor, wobei wir eingefahrene Denk- und Bewegungsmuster aufbrechen. Das Ziel ist es, jedem Schüler die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu erkennen, sich selbst und die Welt anzunehmen, wie sie wirklich sind.

2053 Views