Patrick Leiske: „Höfisches Spiel und tödlicher Ernst“

ISBN 978-3-7995-1257-2

Im Thorbecke Verlag erschien 2018 vom Autor Patrick Leiske das Sachbuch “Höfisches Spiel und tödlicher Ernst”. Jan H. Sachers hat sich das Buch genauer angesehen und ausführlich besprochen. Wir veröffentlichen die Besprechung inklusive der Links zu seinem Online-Handel: HistoFakt.de.

Die Geschichtswissenschaft hat sich dem Themenkomplex „historische Kampfkunst“ und den Fragen seiner Überlieferung, Verschriftlichung, zeitgenössischen Bedeutung, Vermittlung und philosophischen Fundamentierung zunächst nur zögerlich und vereinzelt zugewandt. Seit einigen Jahren jedoch ist eine verstärkte Hinwendung zu beobachten, die sich u.a. in entsprechenden Vortrags- bzw. Tagungsthemen und Konferenzen, einer häufiger auftretenden Zusammenarbeit mit renommierten Praktikern – neben Kampfkünstlern z.B. auch Schmieden –, Ausstellungen und nicht zuletzt den entsprechenden Publikationen äußert. Verwiesen sei hier nur auf den Tagungsband „Das Schwert – Symbol und Waffe„, das Heft „Zweikämpfer“ der Zeitschrift „Das Mittelalter“, den leider vergriffenen Ausstellungskatalog „The Sword – Form and Thought“, den Sammelband „Kunst des Fechtens“ oder jüngst den Begleitband zur Ausstellung „Kunst dye dich zyret„.

Das Lange Schwert im Spätmittelalter

Unter den betrachteten Epochen nimmt dabei das (späte) Mittelalter mit weitem Abstand die Vorrangstellung ein, und hier ist es wiederum das „Lange Schwert“, welches das größte Interesse auf sich vereinen kann. Das liegt allerdings auch in der Überlieferungssituation begründet, denn dieser Waffe sind die meisten erhaltenen zeitgenössischen Abhandlungen gewidmet. Der Zeitraum dieser Beschäftigung mit der Fechtkunst des Langen Schwerts reicht dabei vom späten 14. Jahrhundert, als es sich zur vorrangigen Fechtwaffe entwickelt zu haben scheint, bis ins späte 16. Jahrhundert, als es in der Praxis längst durch modernere Formen wie Rapier und Degen abgelöst worden war.

Untrennbar mit dem Langen Schwert und seinem Umgang verbunden ist der Name des Fechtmeisters Johannes Liechtenauer, dessen gereimte Fechtlehre erstmals wohl in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in der Sammelhandschrift GNM MS 3227a aufgezeichnet und durch Glossen erläutert wurde. Liechtenauer, über dessen Leben und Wirken weiter praktisch nichts bekannt ist, gilt damit als Begründer einer Tradition, die auch als „deutsche Schule“ bezeichnet wird. Die weitaus meisten späteren Autoren von Fechtlehren beziehen sich in igrendeiner Form auf Liechtenauer oder zitieren seine Verse – aber eben nicht alle, denn vor und neben der Liechtenauer-Tradition scheint eine alternative Fechtkunst mit dem Langen Schwert bestanden zu haben, die vom Autor der vorliegenden Untersuchung als „allgemeine Lehre“ bezeichnet wird. Liechtenauer selbst bzw. sein Kommentator erwähnt in MS 3227a die „Lehren anderer Meister“, und die vorgestellten „neuen“ Techniken scheinen vorrangig darauf abzuzielen, sich gegen solche Vertreter der „allgemeinen Lehre“ durchzusetzen.

Der Inhalt

In seiner auf seinem Heidelberger Dissertationsprojekt basierenden Studie unternimmt Patrick Leiske den Versuch, die Traditionslinien der Liechtenauerschen Lehre bis ins 16. Jahrhundert aufzuzeigen, ihre Interpretation, Umgestaltung und Verstümmelung sichtbar zu machen und gegen die ebenfalls beschriebene „allgemeine Lehre“ abzugrenzen. Leiske kommt dabei zugute, dass er neben seinen geschichtswissenschaftlichen Kenntnissen auch über praktische Erfahrung im historischen Fechten verfügt.

Als Quellenmaterial dienen ihm vornehmlich neben dem Nürnberger „Urtext“ die Glossen „Peters von Danzig“ (BANLC Cod. 44 A 8), Siegmund Ringecks und einiger anonymer Kommentatoren sowie die Fechtbücher von Hans Talhoffer, Paulus Kal, Meister „Nicolaus“, Martin Sieber, Andre Paurenfeindt, Paulus Hector Mair und Joachim Meyer.
Bei den Repräsentanten der „allgemeinen Lehre“ handelt es sich um anonyme Handschriften, von denen das sogenannte (von Matthias Johannes Bauer edierte) „Kölner Fechtbuch“ das heute wohl bekannteste ist.

Johannes Liechtenauer

Kern der Liechtenauerschen Lehre sind die fünf (später so genannten) „Meisterhaue“. Deren Vorhandensein bzw. Fehlen in den Fechtschriften determiniert im Wesentlichen die Zuordnung zur Liechtenauer-Tradition oder zur „allgemeinen Lehre“. Die Fechtbücher der letzteren Gruppe weisen z.T. untereinander wiederum ähnliche Techniken und (auffällige) Bezeichnungen auf, die eine gewisse Verwandtschaft nahelegen und die Annahme einer gemeinsamen Basis oder Entwicklung rechtfertigen.

Überaus interessant ist Leiskes detaillierter Nachweis, wie einzelne dieser Techniken Aufnahme in die Fechtbücher späterer Liechtenauer-Nachfolger fanden und dabei häufig – wie auch die Techniken des Meisters selbst – eine Umdeutung oder Umgestaltung erfuhren.

Hans Talhoffer

Auch Leiskes Analyse der insgesamt fünf überlieferten Fechtbücher Hans Talhoffers ist sehr aufschlussreich, kann er doch recht schlüssig nachweisen, wie sich der begnadatete Selbstdarsteller und daher heute vielleicht bekannteste Fechtmeister des 15. Jahrhunderts zu Beginn seiner Karriere noch stark mit der Liechtenauerschen Lehre identifizierte, um daraus im Lauf der Jahre sein eigenes System zu entwickeln. Wenngleich darin die Techniken des Vorbilds nach wie vor eine Rolle spielen, findet der Name des Meisters nun keine Erwähnung mehr, und sogar Umdichtungen seiner Verse werden als eigene Schöpfung ausgegeben.

Von der Waffe zum Sportgerät

Weiter kann Leiske plausibel darlegen, wie sich parallel zur Entwicklung des Langen Schwerts zur bürgerlichen Waffe und schließlich zum Sportgerät der Umgang damit und die Intention des Fechtens veränderten: Zielte Liechtenauers ursprüngliche Lehre noch darauf ab, einen Zweikampf möglichst schnell zu beenden, was in der Regel durch potentiell tödliche oder kampfunfähig machende Treffer geschehen sollte, werden solche Techniken besonders im 16. Jahrhundert ausgelassen oder umgewandelt zugunsten weniger gefährlicher Aktionen. So finden sich etwa keine Stiche mehr, dafür vermehrt Schläge mit der flachen Klingenseite etc. Zugleich nimmt die Komplexität der gezeigten Stücke immer mehr zu, was sie für reale Zweikampfsituationen zunehmend unpraktikabel macht.
In ihrem Versuch, diese Umwandlung zum „Sportfechten“ mit den ursprünglichen Lehren Liechtenauers kompatibel zu halten, wurden die Techniken zuweilen so stark verändert, dass sie kaum noch ausführbar waren und keinen praktischen Nutzen, sondern allenfalls noch Schauwert aufweisen. Dass das Lange Schwert dennoch weiter genutzt und wohl auch unterrichtet wurde, ist erstaunlich und kaum allein mit dem Vorhandensein einer erprobten Lehre sowie der Übertragbarkeit ihrer Prinzipien auf andere Waffen zu erklären, wie der Autor es hier in seiner etwas schwachen Abschlussbemerkung versucht.

Zusammenfassung

Man muss nicht mit allen Interpretationen und Schlussfolgerungen Leiskes konform gehen, um aus seiner anregenden Analyse Gewinn zu ziehen. Der Autor arbeitet sehr systematisch, eng an den Quellen, und schreibt mit großer Sachkenntnis, ohne weniger bewanderte Leser zu überfordern. Besonders wertvoll sind seine Ausführungen zu den weniger bekannten, meist anonymen Fechtschriften, doch auch dem Wissen über vielfach behandelte Autoren wie Liechtenauer, Talhoffer oder Meyer vermag er noch neue Erkenntnisse hinzuzufügen. Geschickt vermischt er dabei die strikt geschichtswissenschaftliche mit der eher fechterisch orientierten Analyse, so dass sowohl theoretisch als auch praktisch an den historischen Kampfkünsten Interessierte eine Menge Material zur weiteren Beschäftgung vorfinden.
Wenngleich stellenweise ein wenig redundant, zuweilen auch etwas spekulativ, liefern die knapp 300 Seiten komprimierte Information und anregende Lektüre. Ohne Frage hat Patrick Leiske ein wertvolles Grundlagenbuch zur Fechtkunst mit dem Langen Schwert im Spätmittelalter vorgelegt, das methodisch als Vorbild für künftige Untersuchungen dienen kann und an dem sich in kommenden Jahren zahlreiche Einzelstudien anknüpfen lassen.

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