Sich schnell bewegende Zielmarken

Sich schnell bewegende Zielmarken erschweren der Bewertung der eigenen Kompetenz ungemein. Dies kann so hinderlich sein, dass man trotz Streben nur geringen Fortschritt im Lernen der Fechtkunst erzielt oder schlicht die Lust am Üben verliert, da man scheinbar feststeckt. Wir wollen uns in diesem Artikel daher diese Problematik untersuchen.

Wenn wir historische Kampfkünste lehren und trainieren, müssen wir uns einiger Fallen bewusst sein, in die wir geraten können. In einer kleinen Serie von Artikeln werde ich auf einige der Fallstricke beim Erlernen des historischen Fechtens hinweisen. Vor Fallen gewarnt zu werden, hilft uns, sie zu vermeiden oder zu entschärfen. Diese Artikel werden den Ausbildern und Fechtern helfen, die Prioritäten richtig zu setzen und den Fokus auf das Erlernen von “der Kunst, die sie zieret” zu legen.


Das Streben nach Steigerung nimmt nicht nur im Absurden wie den an Umfang weiter zunehmenden Guinness Buch der Rekorde seine Manifestation, es strebt jede Sportart nach neuen Rekorden, Bestmarken, welche die vorhergehenden übertreffen. Konkurrierender Wettbewerb findet selbst in den Sportarten statt, die keine Turniere oder Wettbewerbe in organisierter Form kennen. Denn im Wettbewerb um Mitglieder stehen die Vereine und Sportschulen in Konkurrenz.

Die Historische Kampfkunst vollzog den Schritt zum individuellen sportlichen Wettbewerb in nur wenigen Jahren. Wurden auf den wenigen Veranstaltungen 2008 noch experimentell Regeln für den Wettbewerb ausprobiert, findet man 2018 ein öffentliches Ranking der Sportler im Internet und mindestens ein internationales Turnier, zu dessen Zulassungsbedingung eine Platzierung in eben diesem Ranking gehört. Partizipieren Teilnehmer an einem Turnier, welches in dieses Ranking einfließt (unabhängig vom anwesender Fechtkompetenz im Wettbewerb), so wird der Turniererfolg dort erfasst und fließt in die vergleichende Position ein. Fehlt die Erfassung, so wird der Fechter trotz eventueller Kompetenz nicht im Ranking steigen oder fallen [i].

Die Veranstalter von internationalen Turnieren schafften die beachtenswerte Leistung einer sehr schnellen scheinbaren Professionalisierung durch Imitation von vorhandenen Wettbewerben. Das Internet erlaubt Live-Übertragungen von Turnieren und die Veröffentlichung von Finalkämpfen. Die dadurch steigende Popularität zog nicht nur Interessenten an einem sportlichen Wettbewerb mit Schwertern in das Historische Fechten, sie verschob den Schwerpunkt zu Gunsten des Turnierfechten innerhalb eines Jahrzehnts deutlich. Dies geschah und geschieht in einem Zeitraum, in welchem die ausgeübte Kampfkunst aus den Fechtquellen grundsätzlich noch explorativ und interpretativ erforscht und weiterentwickelt wurde und wird.

Wir finden somit zwei sich schnell bewegende Zielmarken:

  1. die zuletzt genannte Verschiebung von der explorativen Erforschung der Kampfkunst zum pseudo-professionalisierten Turnierfechten, sowie
  2. die steigenden Anforderungen an den Turnierfechter in einem internationalen Vergleich mit gleichzeitiger Insel-Problematik [ii].

Dies ist für eine neue Sportart mit steigender Popularität nicht ungewöhnlich. Vergleiche mit Taekwondo als olympische Sportart (seit Sidney 2000) drängen sich auf, sollen hier aber nicht ausgeführt werden denn Internationalität besitzt im Zeitalter der hohen Verfügbarkeit Sozialer Medien in den 2010ern eine völlig andere Dynamik als in den späten 1990ern.

Sich verschiebende Zielmarken sind der sachlichen und nachvollziehbaren Einschätzung und Bewertung von Kompetenz völlig abträglich. Stoßen die Interessenschwerpunkte von Schüler und Lehrer aufeinander hinsichtlich Turnierfechten und Kampfkunst, so wird eine Bewertung und Entwicklung von Kompetenz enorm schwierig.

Entschärfung der Fallen

Für den Lernfortschritt und dessen Messung und Feststellung ist es unumgänglich fest stehende Zielmarken zu haben, die strukturell und zum Teil auch inhaltlich stabil sind.

Es gilt einen Ausbildungsplan zu schaffen, der genau beschreibt, was ein Fechter lernen wird. An jedem Ende eines Zieles sollte die Feststellung der Kompetenz stehen. Ein Ausbildungsplan legt mehrere Ziele fest, bestimmt die Abhängigkeit der Ziele untereinander und beschreibt die zu vermittelnden Kenntnisse und Fertigkeiten innerhalb jedes Ziels, sowie die Methoden zur Vermittlung derselben, und sehr wichtig, die zu erwartende Dauer.

Jedes Ziel in dem Ausbildungsplan sollte durch eine Leistungsmessung abgeschlossen sein. Dies kann, muss aber nicht eine Prüfung sein. Eine gemeinsames Durchgehen der Lernziele mit erfahrenen Fechtern stellt ebenso eine Feststellung der Kompetenz dar und bindet den Fechter in die Gemeinschaft der Fortgeschrittenen ein.

Sollten sich durch Wünsche oder Anforderungen neue Ziele ergeben, so werden diese als eben solche definiert. Eine Veränderung von Lerninhalten ergibt kein neues Ziel. Wenn die Gruppe sich in der Interpretation sich weiter entwickelt, so ist dies kein neues Ziel, der Lerninhalt wird angepasst. Auch der Wechsel eines Fechtbuches ist kein neues Ziel, sofern die Lerninhalte nicht völlig konträr zum bisherigen sind.

Die Aufnahme einer neuen Lehre wäre ebenso ein Ziel, wie eine stärkere Ausrichtung zum Turnierfechten. Turniererfolge sind nur dann erlebbar, wenn die notwendigen Kompetenzen dahin entwickelt werden. Dies wird spätestens beim Erstellen des Ausbildungsplan deutlich, wenn man versucht Regelkunde, Verhalten im Turnier oder Wettkampftaktik zu integrieren.

Die notwendige Abgrenzung von Zielen gegeneinander schließt nicht aus, dass ein Fechter mehrere Ziele gleichzeitig verfolgt. Es sollte jedoch klar sein, dass dies mit einer erhöhten Trainingsintensität und längerer Dauer verbunden sein sollte, damit sich ein Erfolg einstellt. Dies ist bei einem guten Ausbildungsplan leicht ersichtlich.

Anmerkungen

[i] Die wenigen Turniere in Deutschland wurden bis 2018 spärlich erfasst, was zu geringem Ranking der deutschen Fechter führte und somit kompetente Fechter von dem entsprechenden Turnier ausschloss.

[ii] Die Insel-Problematik taucht bei internationalem Vergleich immer dann auf, wenn Gruppen entweder nicht erfasst werden und sie damit nicht algorithmisch vergleichbar sind, oder die Gruppenteilnehmer gar nicht oder wenig reisen und sich faktisch international kaum vergleichen lassen.

7732 Views